Vom Traum zum eigenen Schiff: 
Die Geschichte von Lenard Schultz und der MS Merkur

29 Jahre alt und schon ein eigenes Schiff. Was wie ein Märchen klingt, ist die wahre Geschichte von Lenard Schultz, einem jungen Partikulier, der die Schifffahrtstradition seiner Familie auf beeindruckende Weise fortführt. Es ist eine Geschichte über Träume, Mut und die richtigen Partner zur richtigen Zeit. Im Mittelpunkt: ein Schiff, das einmal eine Prophezeiung war und heute die MS Merkur ist.

Doch fangen wir am Anfang an: Lenard Schultz stammt aus einer Schifferfamilie. Die Leidenschaft für die Binnenschifffahrt wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon als Teenager stand er vor einem bestimmten Schiff und sagte einen Satz, der Jahre später eine besondere Bedeutung bekommen sollte: „Wenn ich groß bin, ist das mein Schiff.“

Viele Jahre vergingen. 2020 machte Lenard sein Schifferpatent. Und wie es der Zufall wollte, tauchte genau dieses Schiff aus seiner Jugend plötzlich wieder auf – zum Verkauf auf einer Maklerwebsite. Die Idee, den alten Traum Wirklichkeit werden zu lassen, war geboren und ließ ihn nicht mehr los.

Doch schnell wurde klar: Ein Schiffskauf ist kein spontaner Entschluss, sondern ein großes unternehmerisches Projekt. Um diesen Traum auf ein solides Fundament zu stellen, holte sich Lenard professionelle Unterstützung von der DTG – Deutsche Transport-Genossenschaft Binnenschifffahrt eG.

Gemeinsam mit Roberto Spranzi, Andreas Grzib und Nico Szepanski von der DTG wurde aus der Idee Schritt für Schritt ein konkreter Plan. Ein Businessplan wurde erstellt, die Finanzierung durchdacht und das gesamte Projekt dem Aufsichtsrat vorgestellt. Von Anfang an war klar: Ein solches Vorhaben stemmt man nicht allein. Im Herbst 2025 wurden die Gespräche über den Kauf ernst.

Bevor die Verträge unterzeichnet werden konnten, stand der entscheidende Schritt an: die Besichtigung des Schiffs, das damals noch MS Fatal hieß und in einer Werft bei Paris lag. Anfang Dezember 2025 reisten Lenard Schultz und Nico Szepanski nach Frankreich zur sogenannten Bodenbesichtigung.

Dabei wird das Schiff aus dem Wasser gehoben, damit ein vereidigter Sachverständiger, in diesem Fall Thomas Speermann, den kompletten Unterboden prüfen kann. Das Ergebnis war eine freudige Überraschung: Das Schiff befand sich in einem hervorragenden Zustand, liebevoll gepflegt von der französischen Eignerfamilie. Der Weg für die Vertragsverhandlungen war frei.

Am 8. Januar wurde der Kauf offiziell abgeschlossen, und die DTG wurde zunächst juristischer Eigentümer. Doch eine große Herausforderung stand noch bevor: Wie kommt das Schiff von Frankreich nach Deutschland?

Die MS Fatal war für den Binnenweg zu groß. Die Lösung: eine Überführung über den Ärmelkanal. Eine Seereise für ein Binnenschiff – ein echtes Abenteuer. Die Route führte von Compiegne über Rouen und Le Havre, über den Ärmelkanal bis nach Vlissingen und Antwerpen.

Das Schiff musste für die Hochseepassage speziell vorbereitet werden. Fenster wurden mit Holzplatten gesichert, alle Öffnungen wasserdicht verschlossen und zusätzliche Versicherungen abgeschlossen. Dann hieß es warten, denn der Versicherer erlaubte die Überfahrt nur bei optimalen Wetterbedingungen. Nach 1,5 Tagen des Wartens kam endlich das grüne Licht. Ein Hochseeschlepper nahm die MS Fatal in den Haken und die Reise begann.

Am Mittwoch um 15 Uhr startete die Überführung. Am nächsten Morgen erreichte der Konvoi sicher Vlissingen in den Niederlanden. Von dort ging die Fahrt ohne Schlepper weiter nach Antwerpen, wo bereits Lenards erster Steuermann an Bord ging.

Noch bevor das Schiff sein Ziel Duisburg erreichte, geschah etwas Besonderes: Die erste Ladung – Kohle von Lüttich nach Offenbach – wurde übernommen. Ein bedeutender Moment, denn von nun an war es nicht mehr nur ein gekauftes Schiff, sondern ein arbeitendes Schiff.

Am 28. Januar erreichte das Schiff schließlich Duisburg. Ein emotionaler Moment für Lenard Schultz, der das Ende einer siebenmonatigen Reise voller Planung, Prüfungen und Entscheidungen markierte. Mit dem abschließenden Notartermin ging das Schiff offiziell von der DTG in das Eigentum von Lenard über.

Aus der MS Fatal wurde die MS Merkur. Und aus einem alten Traum wurde gelebte Realität. Ein 29-jähriger Partikulier, der mit Mut, Entschlossenheit und den richtigen Menschen an seiner Seite die Tradition seiner Familie weiterführt. Manchmal brauchen Träume eben nur ein paar Jahre, Geduld – und eine starke Gemeinschaft an Bord. 

Fotos: ©Lenard Schultz und ©Nico Szepanski